
Entgegen der Annahme, man müsse als Experte auftreten, entstehen die besten Fragen im Artist Talk aus einer produktiven Unsicherheit.
- Recherchieren Sie nicht nach Fakten, sondern nach Lücken und Widersprüchen im bisherigen Diskurs über den Künstler.
- Formulieren Sie Ihre Frage als ein „Wahrnehmungsangebot“ – ein Teilen Ihrer persönlichen Sichtweise, das den Künstler zum Reflektieren einlädt.
Empfehlung: Nutzen Sie die oft vorhandene Diskrepanz zwischen dem theoretischen Kuratorentext und der persönlichen Erklärung des Künstlers als direkten und legitimen Einstiegspunkt für Ihre erste Frage.
Kennen Sie diesen Moment? Der Künstler hat gesprochen, der Moderator blickt ins Publikum und fragt: „Gibt es Fragen?“ Es folgt eine dichte, fast greifbare Stille. In den Köpfen vieler intellektuell neugieriger Besucher rattert es. Man möchte mehr erfahren, die Schichten hinter dem Werk verstehen, aber die Angst, eine naive oder uninformierte Frage zu stellen, lähmt. Die gängigen Ratschläge – „Stellen Sie offene Fragen“, „Machen Sie Ihre Hausaufgaben“ – fühlen sich dabei oft wie leere Phrasen an, die den Druck nur erhöhen.
Doch was wäre, wenn der Schlüssel zu einem tiefgründigen Dialog nicht darin liegt, die eigene Expertise zur Schau zu stellen, sondern genau das Gegenteil zu tun? Wenn die eigene, vielleicht sogar unsichere Wahrnehmung nicht als Defizit, sondern als wertvollstes Werkzeug für eine gute Frage begriffen wird? Dieser Artikel schlägt eine neue Perspektive vor: Betrachten Sie Ihre Frage nicht als Prüfung, sondern als einen Akt des Brückenbaus. Es geht darum, eine Verbindung zu schaffen zwischen Ihrer persönlichen Erfahrung mit dem Werk und dem Schaffensprozess des Künstlers. Es ist eine Einladung, die Welt für einen Moment durch Ihre Augen zu sehen.
Wir werden gemeinsam erkunden, wie Sie diese Haltungsänderung praktisch umsetzen. Von der schnellen, aber effektiven Vorbereitung über die Psychologie der Fragestellung bis hin zur Kunst, auch mit immateriellen Werken ins Gespräch zu kommen. Ziel ist es, Sie zu befähigen, das nächste Mal nicht nur zuzuhören, sondern mit Selbstvertrauen und Neugier das Mikrofon zu ergreifen und einen Dialog zu entfachen, der für alle im Raum – auch für den Künstler selbst – ein Gewinn ist.
Inhaltsverzeichnis: Der Weg vom passiven Zuhörer zum aktiven Gesprächspartner
- Warum widerspricht die Erklärung des Künstlers oft dem Text des Kurators?
- Wie recherchieren Sie den Künstler in 15 Minuten vor dem Talk?
- Vortrag oder Fragerunde: Welches Format bietet mehr Erkenntnisgewinn?
- Die Gefahr, durch eine falsche Frage den Künstler zum Schweigen zu bringen
- Wann inspiriert ein Artist Talk Ihre eigene kreative Praxis am meisten?
- Wie lesen Sie eine Installation, die nur aus Licht und Leere besteht?
- Das Missverständnis, Kunst isoliert von ihrer Zeit zu betrachten
- Wie unterscheiden Sie kurzlebige Hypes von relevanter zeitgenössischer Kunst?
Warum widerspricht die Erklärung des Künstlers oft dem Text des Kurators?
Diese Diskrepanz ist einer der fruchtbarsten, aber auch einschüchterndsten Momente für das Publikum. Der Kurator spricht in akademischer Sprache von Diskursen, poststrukturalistischen Bezügen und der Verortung im kunsthistorischen Kanon. Der Künstler hingegen spricht vielleicht über das Licht in seinem Atelier, ein zufällig gefundenes Material oder eine sehr persönliche Erinnerung. Dieser vermeintliche Widerspruch ist kein Fehler im System, sondern eine Chance. Er offenbart die Kontext-Reibung zwischen theoretischer Einordnung und gelebter schöpferischer Praxis.
Für Sie als Fragesteller ist dieser Spalt eine Goldgrube. Statt sich für eine Seite entscheiden zu müssen, können Sie genau hier ansetzen. Ihre Aufgabe ist es nicht, den Widerspruch aufzulösen, sondern ihn als Ausgangspunkt für einen Brückenbau zu nutzen. Eine Frage, die beide Perspektiven anerkennt, ohne sie gegeneinander auszuspielen, zeugt von hoher Aufmerksamkeit. Zum Beispiel könnten Sie fragen: „Der Kurator betonte den Aspekt der Post-Internet-Ästhetik. Sie sprachen aber viel über die handwerkliche Qualität des Papiers. Wo treffen sich für Sie diese beiden Welten in diesem Werk?“
Fallbeispiel: Wolfgang Tillmans
Die Arbeit von Wolfgang Tillmans wird oft im Kontext der Post-Internet-Art diskutiert. Seine Praxis verbindet jedoch, wie es in einer Analyse heißt, Intimität und Verspieltheit mit sozialem Bewusstsein. Er stellt die fundamentale Frage, was es bedeutet, in einer bildergesättigten Welt Bilder zu schaffen. Hier kollidieren der technische Diskurs und eine tief humanistische, fast handwerkliche Herangehensweise an das Medium Fotografie. Eine Frage könnte diesen produktiven Konflikt aufgreifen, anstatt ihn zu ignorieren.
Indem Sie diese Lücke nicht als Wissensdefizit Ihrerseits, sondern als spannendes Merkmal des Kunstwerks selbst betrachten, verwandeln Sie Ihre Unsicherheit in eine starke, erkenntnisfördernde Frage. Sie signalisieren dem Künstler, dass Sie genau hingehört und die verschiedenen Ebenen seiner Arbeit wahrgenommen haben.
Wie recherchieren Sie den Künstler in 15 Minuten vor dem Talk?
Eine gute Vorbereitung ist der Schlüssel zum Selbstvertrauen, aber niemand erwartet, dass Sie vor einem Artist Talk eine kunsthistorische Dissertation verfassen. Eine gezielte 15-Minuten-Recherche reicht oft aus, um von einem passiven Zuhörer zu einem potenziellen Gesprächspartner zu werden. Das Ziel ist nicht, Fakten anzuhäufen, um damit zu glänzen, sondern Ankerpunkte für Ihre Fragen zu finden und ein Gefühl für die „Lücken“ im Diskurs zu bekommen.
Konzentrieren Sie sich nicht darauf, alles zu lesen, sondern darauf, Muster und vor allem Auslassungen zu erkennen. Was wird in den meisten Texten über den Künstler wiederholt? Und noch wichtiger: Was wird fast nie erwähnt? Gibt es eine Werkserie, die kaum besprochen wird? Einen wiederkehrenden Begriff im Statement des Künstlers, den kein Kritiker aufgreift? Diese Lücken sind die perfekten Einfallstore für originelle Fragen, da sie den Künstler einladen, einen Aspekt seiner Arbeit zu beleuchten, über den er selten spricht.

Ihre Recherche dient dazu, einen Prozess-Anker zu finden. Statt abstrakt nach der „Bedeutung“ zu fragen, können Sie sich auf eine konkrete Beobachtung aus Ihrer Recherche beziehen. „Ich habe gesehen, dass Sie vor fünf Jahren ausschließlich mit Keramik gearbeitet haben, nun aber zu Textilien übergegangen sind. Können Sie uns etwas über diesen materiellen Wandel in Ihrem Prozess erzählen?“ Diese Art von Frage ist geerdet, respektvoll und öffnet die Tür zu einer Erzählung über die Praxis, nicht über die Theorie.
- Minute 1-3: Prüfen Sie Artfacts.net für die aktuelle Ausstellungshistorie und die Galerievertretung. Das gibt Ihnen einen schnellen Überblick über die Karriere-Etappen.
- Minute 4-6: Scannen Sie die Website der vertretenden Galerie. Suchen Sie nach dem Künstlerstatement und den Abbildungen aktueller Werkserien.
- Minute 7-10: Suchen Sie gezielt nach den „Lücken“. Welches Thema wird in den Pressetexten oder Biografien NICHT prominent behandelt?
- Minute 11-13: Führen Sie eine schnelle YouTube-Suche nach früheren Artist Talks durch. Achten Sie auf wiederkehrende Fragemuster, die Sie vermeiden können.
- Minute 14-15: Notieren Sie eine spezifische Verbindung zur lokalen deutschen Kunstszene. Gehört der Künstler zur Tradition der Leipziger Schule, der Düsseldorfer Photoschule, oder grenzt er sich bewusst davon ab?
Vortrag oder Fragerunde: Welches Format bietet mehr Erkenntnisgewinn?
Viele Kunstinstitutionen experimentieren mit verschiedenen Formaten, vom klassischen Künstlervortrag über das moderierte Gespräch bis hin zu performativen Dialogen. Jedes Format hat seine eigene Dynamik und bietet unterschiedliche Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns. Während ein strukturierter Vortrag oft tiefgreifendes, aber kontrolliertes Wissen vermittelt, liegt das wahre Potenzial für überraschende Einblicke meist in der Fragerunde (Q&A).
Die Fragerunde ist der Moment, in dem die kuratierte Selbstdarstellung des Künstlers durchbrochen werden kann. Es ist der ungeskriptete Teil des Abends, in dem die sorgfältig vorbereitete Fassade durch eine spontane, authentische Interaktion ersetzt wird. Hier haben Sie als Publikum die Macht, die Richtung des Gesprächs zu lenken und Aspekte zu beleuchten, die im offiziellen Teil vielleicht zu kurz kamen. Es ist der Übergang von einer passiv-rezeptiven zu einer aktiv-fragenden Rolle, die den Abend für alle bereichert.
Wie Museumspädagogik-Experten betonen, bietet gerade die Fragerunde eine einzigartige Gelegenheit. In ihrer Publikation „Führungen für Erwachsene in Museen“ heben sie hervor:
Die Fragerunde bietet die Chance, durch intelligente Fragen hinter die offizielle ‚Persona‘ zu blicken.
– Museumspädagogik-Experten, Führungen für Erwachsene in Museen
Die folgende Tabelle, basierend auf einer Analyse verschiedener Vermittlungsformate, verdeutlicht die unterschiedlichen Potenziale und die zentrale Rolle des Publikums, insbesondere in dialogischen Formaten.
| Format | Erkenntnisgewinn | Künstler-Öffnung | Besucherrolle |
|---|---|---|---|
| Klassischer Vortrag | Strukturiertes Wissen | Kontrollierte Selbstdarstellung | Passiv-rezeptiv |
| Fragerunde/Q&A | Spontane Einblicke | Potenzial für Überraschungen | Aktiv-fragend |
| Performativer Dialog | Prozessorientiert | Maximale Öffnung | Ko-kreativ |
Die Erkenntnis hieraus ist ermutigend: Ihre Frage ist kein Störfaktor, sondern ein entscheidender Beitrag zur Qualität der Veranstaltung. Sie ist das Werkzeug, um von der Oberfläche in die Tiefe zu gelangen.
Die Gefahr, durch eine falsche Frage den Künstler zum Schweigen zu bringen
Die größte Angst im Publikum ist es, eine Frage zu stellen, die als banal, aggressiv oder schlichtweg „falsch“ empfunden wird und den Künstler in die Defensive treibt oder das Gespräch abwürgt. Fragen wie „Was soll das bedeuten?“, „Ist das Kunst?“ oder die direkte Frage nach dem Preis eines Werkes führen selten zu einem produktiven Austausch. Sie erzeugen Druck und implizieren oft ein Urteil, anstatt Neugier auszudrücken. Der Künstler fühlt sich entweder geprüft oder missverstanden.
Doch auch kritische oder auf den ersten Blick unbequeme Beobachtungen können zu wertvollen Fragen werden, wenn sie richtig formuliert sind. Der Schlüssel liegt in der Technik des „Positive Framing“. Anstatt eine konfrontative Haltung einzunehmen, formulieren Sie Ihre Wahrnehmung als ein subjektives Angebot, als Bitte um Hilfe beim Verstehen. Sie positionieren sich nicht als Richter, sondern als aufmerksamer Betrachter, der eine Brücke zu der Intention des Künstlers bauen möchte. Anstatt zu sagen „Ich finde dieses Werk sehr düster und abweisend“, könnten Sie formulieren: „Ich nehme eine große Schwere und Melancholie in diesem Werk wahr. Können Sie mir helfen zu verstehen, welche Rolle diese Atmosphäre in Ihrem Schaffensprozess gespielt hat?“

Diese Herangehensweise entwaffnet, weil sie keine Rechtfertigung fordert, sondern zum Teilen einlädt. Sie verwandeln eine potenziell konfrontative Situation in einen Moment der gemeinsamen Reflexion. Der Künstler wird nicht herausgefordert, sondern als Experte seiner eigenen Arbeit respektiert, dessen Einblick erbeten wird. So entsteht eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der auch schwierige Themen besprochen werden können.
Ihr Aktionsplan: Die Positive-Framing-Technik
- Beginnen Sie mit einer anerkennenden, konkreten Beobachtung zu einem Detail des Werkes.
- Formulieren Sie Ihre persönliche Wahrnehmung oder Verwirrung als subjektiven Eindruck („Ich empfinde…“, „Mir scheint als ob…“), nicht als objektive Tatsache.
- Bitten Sie explizit um Hilfe beim Verstehen („Könnten Sie mir helfen zu verstehen…“), statt eine Rechtfertigung zu fordern („Warum haben Sie…?“).
- Verwenden Sie offene „Wie“- oder „Was“-Formulierungen, die zu einer Erzählung einladen.
- Schließen Sie mit einer Einladung zum Dialog, die dem Künstler Raum lässt, die Frage auf seine Weise zu interpretieren.
Wann inspiriert ein Artist Talk Ihre eigene kreative Praxis am meisten?
Ein Artist Talk ist mehr als nur eine Informationsveranstaltung; er kann ein kraftvoller Katalysator für die eigene Kreativität sein, ganz gleich, ob Sie selbst künstlerisch tätig sind oder einfach nur Ihre kreative Denkweise schärfen möchten. Die größte Inspiration entsteht oft nicht dann, wenn der Künstler fertige Antworten liefert, sondern wenn er seinen Prozess mit all seinen Zweifeln, Umwegen und ungelösten Problemen offenlegt. Es sind die Momente der Verletzlichkeit und Unsicherheit, die am meisten Resonanz erzeugen.
Hören Sie nicht nur auf das, was gesagt wird, sondern auch auf das, was zwischen den Zeilen mitschwingt. Wo zögert der Künstler? Bei welcher Frage muss er länger nachdenken? Diese Momente des Zweifels sind oft die wertvollsten, weil sie den Blick auf den Kern des kreativen Ringens freigeben. Die Erkenntnis, dass auch renommierte Künstler nicht immer einen klaren Plan haben, sondern sich von Intuition, Material und Zufall leiten lassen, ist zutiefst befreiend und inspirierend. Es ist die Erlaubnis, selbst zu experimentieren und dem eigenen Prozess zu vertrauen.
Kreativer Katalysator: Der Kunstverein als Denkraum
Als Wolfgang Tillmans im Kunstverein in Hamburg ausstellte, schuf er eine Installation, die den besonderen Charakter der alten Markthalle und ihren urbanen Kontext als Ausgangspunkt nahm. Die Talks und die Ausstellung zeigten, dass Raum und skulpturales Denken zentrale Elemente sind und eine neue Dringlichkeit erlangen, wenn sie auf einen spezifischen Ort reagieren. Für die Besucher wurde so erlebbar, wie ein Künstler nicht nur Objekte im Raum platziert, sondern den Raum selbst zum Material macht – ein unglaublich inspirierender Gedanke für jeden, der mit Gestaltung zu tun hat.
Um diese Impulse festzuhalten, kann ein „Talk-Journal“ ein nützliches Werkzeug sein. Notieren Sie darin nicht nur, was der Künstler sagt, sondern vor allem Ihre eigenen Assoziationen und Ideen, die während des Gesprächs aufkommen. Welche gehörten Konzepte lassen sich auf Ihre eigenen ungelösten Probleme anwenden? Wo sehen Sie kreative Reibungsflächen in den Widersprüchen, die der Künstler offenbart? So wird der Artist Talk von einem passiven Konsumereignis zu einer aktiven Ressource für Ihre eigene kreative Entwicklung.
Wie lesen Sie eine Installation, die nur aus Licht und Leere besteht?
Installationen, die mit immateriellen Mitteln wie Licht, Klang oder reiner Leere arbeiten, stellen unsere gewohnten Wahrnehmungs- und Beschreibungsmuster vor eine besondere Herausforderung. Hier gibt es kein Objekt, keine Figur, keine traditionelle Komposition zu analysieren. Der Versuch, nach einer erzählerischen „Bedeutung“ zu fragen, führt hier oft ins Leere. Der Schlüssel zum Verständnis liegt darin, den Fokus vom „Was“ auf das „Wie“ zu verlagern: Wie verändert das Werk meine eigene Wahrnehmung?
Bei immaterieller Kunst ist Ihr Körper das wichtigste Resonanzinstrument. Anstatt zu versuchen, das Werk intellektuell zu „entschlüsseln“, beginnen Sie damit, Ihre physischen und sensorischen Reaktionen zu beobachten. Verändert sich Ihr Gefühl für den Raum? Fühlen Sie sich orientierungslos, ruhig oder angespannt? Beeinflusst das Licht Ihre Körperhaltung? Diese sehr persönlichen, subjektiven Erfahrungen sind der einzig legitime Ausgangspunkt für ein Gespräch. Ihr Erleben ist nicht „falsch“, es ist das eigentliche Material der Arbeit.
Eine gute Frage zu einem solchen Werk ist daher kein Wissensabruf, sondern ein Wahrnehmungsangebot. Sie teilen Ihre Erfahrung mit dem Künstler und fragen nach seiner Intention bezüglich dieser spezifischen Wirkung. Eine beispielhafte Formulierung, wie sie auch in der Kunstvermittlung gelehrt wird, könnte lauten:
Ihre Arbeit hat meine körperliche Wahrnehmung des Raumes stark verändert. War diese sensorische Desorientierung ein beabsichtigter Teil der Erfahrung?
– Beispielfrage für immaterielle Kunstwerke, Kunstgespräche und Vermittlung
Diese Frage ist stark, weil sie konkret, persönlich und offen ist. Sie verlangt keine Rechtfertigung, sondern lädt den Künstler ein, über die intendierte Wirkung seiner Arbeit und die Beziehung zwischen Werk und Betrachter zu reflektieren. Sie zeigen damit, dass Sie sich auf das Experiment der Arbeit eingelassen haben, und bieten eine Basis für einen Dialog, der weit über eine einfache Erklärung hinausgeht.
Das Missverständnis, Kunst isoliert von ihrer Zeit zu betrachten
Ein häufiges Missverständnis besteht darin, ein Kunstwerk als zeitloses, autonomes Objekt zu betrachten, das allein aus sich selbst heraus verstanden werden kann. Doch jedes Kunstwerk ist unausweichlich ein Kind seiner Zeit. Es entsteht als Reaktion auf, in Auseinandersetzung mit oder im bewussten Gegensatz zu den gesellschaftlichen, politischen, technologischen und ästhetischen Bedingungen seiner Entstehungszeit. Diese zeitliche Verortung zu ignorieren, bedeutet, eine wesentliche Dimension des Werkes zu übersehen.
Das Bewusstsein für diesen Kontext ist nicht nur für Kunsthistoriker relevant. Eine umfassende Museumsstudie mit 12.780 befragten Besuchern in 60 deutschen Museen hat gezeigt, dass die kontextuelle Einordnung für das Verständnis und die Wertschätzung von Kunstwerken von großer Bedeutung ist. Fragen, die den Künstler einladen, sein Werk mit der Gegenwart zu verbinden, sind daher besonders aufschlussreich. Sie helfen, die Relevanz der Arbeit im Hier und Jetzt zu begreifen.
Anstatt nach zeitlosen Wahrheiten zu suchen, können Sie gezielt nach den Anknüpfungspunkten zur Gegenwart fragen. Dies zeigt, dass Sie das Werk nicht als museales Relikt, sondern als aktiven Beitrag zum aktuellen Diskurs verstehen. Hier sind einige Vorlagen, um solche Fragen zu formulieren:
- Material & Gegenwart: „Wie verhält sich Ihre sehr traditionelle Materialwahl der Ölmalerei zur aktuellen Digitalisierungsdebatte?“
- Aktuelle Ereignisse: „Gab es ein spezifisches politisches oder gesellschaftliches Ereignis des letzten Jahres, das diese Werkserie maßgeblich beeinflusst hat?“
- Lokaler vs. Globaler Kontext: „Gibt es eine spezifisch deutsche Lesart Ihrer Arbeit, die im internationalen Kontext möglicherweise verloren geht?“
- Tradition & Innovation: „Sehen Sie Ihre Arbeit eher in einer historischen Linie zur Romantik, oder reagieren Sie primär auf Phänomene wie Social Media?“
Solche Fragen öffnen den Dialog für größere Zusammenhänge und zeigen dem Künstler, dass Sie an einem tieferen Verständnis seiner Position in der Welt interessiert sind. Sie beweisen, dass Sie Kunst nicht nur konsumieren, sondern als Teil eines lebendigen gesellschaftlichen Gesprächs begreifen.
Das Wichtigste in Kürze
- Die besten Fragen entstehen aus persönlicher, auch unsicherer Wahrnehmung, nicht aus zur Schau gestelltem Expertenwissen.
- Rahmen Sie Ihre Fragen als ein „Wahrnehmungsangebot“ und eine Bitte um Hilfe beim Verstehen, um eine vertrauensvolle Dialogatmosphäre zu schaffen.
- Nutzen Sie die Reibung zwischen Künstlerintention, Kuratorentext und zeitlichem Kontext als direkten Einstieg für tiefgründige Fragen.
Wie unterscheiden Sie kurzlebige Hypes von relevanter zeitgenössischer Kunst?
In einer schnelllebigen Kunstwelt, die von Messen, Biennalen und Social-Media-Trends angetrieben wird, ist es eine der größten Herausforderungen für das Publikum, zwischen einem kurzlebigen Hype und einer künstlerischen Position von dauerhafter Relevanz zu unterscheiden. Ein Artist Talk bietet hierfür wertvolle Anhaltspunkte, die weit über die reine Ästhetik eines Werkes hinausgehen. Die Fähigkeit eines Künstlers, über seine Arbeit zu sprechen, ist ein entscheidender Indikator.
Relevanz zeigt sich weniger in der Perfektion der Präsentation als in der Kohärenz und Tiefe des Denkens, das der Arbeit zugrunde liegt. Kann der Künstler seine Entscheidungen – sei es Material, Format oder Thema – in einen größeren konzeptuellen Rahmen einbetten? Wie reflektiert er die Entwicklung seiner eigenen Arbeit über die Jahre? Ein Künstler, dessen Werk Relevanz besitzt, kann oft eine klare, aber flexible narrative Linie durch sein gesamtes Schaffen ziehen, selbst wenn sich die äußere Form stark verändert hat. Im Gegensatz dazu wirken die Erklärungen bei gehypten Positionen oft ad hoc, widersprüchlich oder auf modische Schlagworte reduziert.
Eine aufschlussreiche Analyse des Kunstmarkts unterstreicht diesen Punkt:
Die Fähigkeit eines Künstlers, sein Werk über Jahre hinweg kohärent und doch flexibel zu artikulieren, ist ein starker Indikator für Relevanz jenseits eines Hypes.
– Kunstmarktanalyse, Artist Talks und Kunstvereine
Veranstaltungen wie das Gallery Weekend Berlin, bei dem Künstler in der Neuen Nationalgalerie mit Kuratoren deutscher und internationaler Institutionen sprechen, sind solche Momente der Wahrheit. Hier, im direkten Diskurs, trennt sich die Spreu vom Weizen. Ihre Rolle im Publikum ist es, auf die Substanz hinter den Worten zu lauschen. Eine gute Frage in diesem Kontext könnte lauten: „Welche Frage, die Ihnen zu Ihrer Arbeit noch nie gestellt wurde, würden Sie sich selbst gerne stellen?“ Sie öffnet den Raum für eine Meta-Reflexion, die oft mehr über die Tiefe einer künstlerischen Position verrät als jede vorbereitete Antwort.
Indem Sie diese Ansätze verinnerlichen, verwandeln Sie Ihre Rolle von der eines stillen Betrachters zu der eines aktiven Teilnehmers am Kunstdiskurs. Der nächste Artist Talk ist Ihre Chance – ergreifen Sie sie, indem Sie die Brücke bauen, die ein echter Dialog benötigt.