
Der Verfall eines Ölgemäldes ist keine unabwendbare Altersschwäche, sondern eine direkte Reaktion auf eine Umgebung, die seine physikalischen Bedürfnisse ignoriert.
- Die Hauptursache für Risse ist ein Spannungsungleichgewicht zwischen den Farbschichten und dem Bildträger (Leinwand oder Holz), meist ausgelöst durch Schwankungen der Luftfeuchtigkeit.
- Falsche Reinigungsversuche und ungeeignete Lagerorte beschleunigen die chemische und strukturelle Zerstörung exponentiell.
Empfehlung: Behandeln Sie Ihr Gemälde nicht wie ein Möbelstück, sondern wie einen sensiblen Organismus. Proaktive Klimakontrolle ist wirksamer und günstiger als jede spätere Reparatur.
Der Anblick ist für jeden Besitzer eines Erbstücks ein Stich ins Herz: Ein über Generationen gehütetes Ölgemälde, das einst makellos den Raum schmückte, zeigt plötzlich feine Risse. Zuerst kaum sichtbar, dann bilden sie ein feines Netz, das sich über die Malschicht legt. Es fühlt sich an, als würde ein Stück Familiengeschichte vor den eigenen Augen zerfallen. Die erste Reaktion ist oft von Unsicherheit geprägt. Man hat vage Ratschläge im Kopf – direkte Sonneneinstrahlung vermeiden, nicht über die Heizung hängen –, doch diese allgemeinen Warnungen scheinen dem schleichenden Verfall nicht Einhalt gebieten zu können.
Die gängigen Tipps kratzen nur an der Oberfläche eines weitaus komplexeren Problems. Denn ein Ölgemälde ist weit mehr als nur Farbe auf einer Leinwand. Es ist ein komplexes Gefüge aus organischen Materialien – Holz, Gewebe, getrocknete Öle, Harze –, die alle auf ihre Umgebung reagieren. Doch was, wenn der Schlüssel zur Erhaltung nicht nur darin liegt, bestimmte Dinge zu vermeiden, sondern darin, die physikalische und chemische „Sprache“ des Kunstwerks zu verstehen? Die Rissbildung, das Abblättern der Farbe, die Vergilbung des Firnis – all das sind keine zufälligen Alterserscheinungen, sondern Symptome spezifischer Ursachen, die man gezielt bekämpfen kann.
Dieser Leitfaden führt Sie in die Denkweise eines Restaurators ein. Anstatt eine Liste von Verboten aufzustellen, erklären wir Ihnen das „Warum“ hinter den Schäden. Sie werden lernen, die Bedürfnisse Ihres Gemäldes zu „lesen“, die wahren Feinde zu identifizieren und den Verfall nicht nur aufzuhalten, sondern aktiv zu verhindern. Wir tauchen tief in die Materialwissenschaft ein, die jedem Kunstwerk innewohnt, und geben Ihnen das Wissen an die Hand, um Ihr Erbe für die nächste Generation zu sichern.
Um die komplexen Zusammenhänge des Gemäldeverfalls zu verstehen und die richtigen Maßnahmen zu ergreifen, haben wir diesen Artikel in übersichtliche Themenbereiche gegliedert. Das folgende Inhaltsverzeichnis gibt Ihnen einen Überblick über die entscheidenden Aspekte der Prävention und Pflege.
Inhaltsverzeichnis: Der Verfall von Ölgemälden – Ursachen verstehen und Schäden verhindern
- Warum ist trockene Heizungsluft der größte Feind Ihrer Ölbilder im Winter?
- Wie entfernen Sie Staub von einer unebenen Oberfläche, ohne die Farbe zu beschädigen?
- Spannungsrisse oder Holzwurm: Welcher Bildträger ist pflegeintensiver?
- Das Risiko von Hausmitteln wie Zwiebelsaft, das Ihr Bild ruinieren kann
- Wann müssen Sie zwingend einen Profi für Ihr Gemälde rufen?
- Wie dämmen Sie eine historische Fassade, wenn Außendämmung verboten ist?
- Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Firnissen – und warum nicht nach 4 Wochen?
- Wie vermeiden Sie Rissbildung bei der „Fett-auf-Mager“-Regel in der Ölmalerei?
Warum ist trockene Heizungsluft der größte Feind Ihrer Ölbilder im Winter?
Die behagliche Wärme, die wir in den Wintermonaten schätzen, ist für ein Ölgemälde purer Stress. Der Grund liegt in einem physikalischen Prozess: der hygroskopischen Reaktion der Materialien. Sowohl die Leinwand (meist aus Leinen oder Baumwolle) als auch der hölzerne Keilrahmen oder die Holztafel sind organische Stoffe, die Feuchtigkeit aus der Umgebung aufnehmen und wieder abgeben. Trockene Heizungsluft senkt die relative Luftfeuchtigkeit im Raum drastisch, oft auf Werte unter 30 %. Dadurch geben Holz und Leinwand die in ihnen gespeicherte Feuchtigkeit an die Raumluft ab. Sie ziehen sich zusammen und schrumpfen.
Die Malschicht aus Ölfarbe und Grundierung ist jedoch weitaus weniger flexibel. Sie kann dieser Bewegung des Bildträgers nicht folgen. Es entsteht ein starkes Spannungsungleichgewicht: Der Träger schrumpft, die Farbschicht aber bleibt starr. Das Resultat sind zunächst mikroskopisch feine Risse, die sich mit jedem Heizzyklus erweitern und schließlich als sichtbares Krakelee die Oberfläche durchziehen. Im schlimmsten Fall verliert die Farbe ihre Haftung und beginnt, sich in kleinen Schollen abzulösen. Dies ist keine Frage von Jahren, sondern kann sich innerhalb eines einzigen Winters dramatisch verschlimmern.
Für die konservatorisch korrekte Aufbewahrung ist daher eine stabile Klimakontrolle entscheidend. Experten sind sich einig, dass die optimalen Werte für Kunstwerke bei 45 bis 60 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit bei einer Raumtemperatur um die 21 Grad Celsius liegen. Jede drastische Abweichung von diesem Korridor bedeutet Materialermüdung und beschleunigt den Verfall. Die Investition in ein Hygrometer ist somit der erste und wichtigste Schritt, um die unsichtbare Gefahr zu erkennen, bevor sie sichtbare Schäden anrichtet.
Ihr Aktionsplan zur Klimakontrolle im Winter
- Überwachung einrichten: Installieren Sie digitale Hygrometer in den Räumen, in denen Gemälde hängen, um die Luftfeuchtigkeit kontinuierlich zu messen.
- Luftfeuchtigkeit stabilisieren: Setzen Sie bei Werten unter 45 % gezielt Luftbefeuchter ein. Kleine Geräte sind für typische deutsche Raumgrößen ausreichend.
- Extreme vermeiden: Halten Sie die Raumtemperatur möglichst konstant, idealerweise zwischen 14 und 21°C, und vermeiden Sie starke nächtliche Absenkungen.
- Abstand wahren: Positionieren Sie Gemälde niemals direkt über oder neben Heizkörpern oder anderen Wärmequellen. Ein Mindestabstand von einem Meter ist obligatorisch.
- Regelmäßige Inspektion: Kontrollieren Sie Ihre Gemälde monatlich bei gutem Licht auf neue Rissbildungen oder Veränderungen der Oberflächenspannung.
Wie entfernen Sie Staub von einer unebenen Oberfläche, ohne die Farbe zu beschädigen?
Staub ist mehr als nur ein ästhetisches Problem. Er bindet Feuchtigkeit aus der Luft und kann in Verbindung mit Schadstoffen eine leicht saure Schicht bilden, die den Firnis und die darunterliegende Farbe angreift. Eine regelmäßige, aber korrekte Reinigung ist daher unerlässlich. Das oberste Gebot lautet: Niemals mit Wasser, Feuchttüchern oder gar Reinigungsmitteln an ein Ölgemälde herangehen. Die Feuchtigkeit könnte durch feine Risse in die Malschicht eindringen und zu Quellungen oder Schimmel führen.
Die einzig sichere Methode für den Laien ist das trockene Abstauben mit einem speziellen Werkzeug. Vergessen Sie Mikrofasertücher, deren Fasern sich in der pastosen Farbstruktur verhaken und Farbschollen anheben können. Das professionelle Werkzeug der Wahl ist ein sehr weicher, sauberer Pinsel aus Naturhaar, idealerweise ein sogenannter Fehhaarpinsel, wie er auch von Vergoldern verwendet wird. Seine Haare sind extrem sanft und flexibel, sodass sie den Staub auch aus den tiefsten Vertiefungen der Pinselstriche aufnehmen, ohne die empfindliche Oberfläche zu zerkratzen.

Die richtige Technik ist dabei ebenso wichtig wie das richtige Werkzeug. Gehen Sie niemals mit Druck vor oder reiben Sie kreisförmig über die Fläche. Dies würde den Schmutz nur in die Farbstruktur einmassieren. Restauratoren wenden eine systematische Methode an, um eine gleichmäßige und schonende Reinigung zu gewährleisten.
Fallbeispiel: Die Quadrantentechnik der Restauratorin Katja Ling
Die Münchner Restauratorin Katja Ling demonstriert auf ihrer Webseite die professionelle Quadrantentechnik. Das Gemälde wird gedanklich in vier Abschnitte unterteilt und systematisch, beispielsweise von oben links nach unten rechts, bearbeitet. Jeder Bereich wird nur ein einziges Mal mit dem Fehhaarpinsel in geraden, parallelen und sich leicht überlappenden Strichen abgefegt. Der Staub wird dabei stets in eine Richtung, zum Rand des Gemäldes hin, befördert. Diese Methode stellt sicher, dass keine Stellen vergessen oder doppelt bearbeitet werden, was die fragile Malschicht unnötig belasten und zu mechanischen Schäden führen könnte.
Spannungsrisse oder Holzwurm: Welcher Bildträger ist pflegeintensiver?
Nicht alle Risse sind gleich. Ihre Form, Tiefe und Ausrichtung verraten viel über die Ursache des Schadens – und diese ist oft eng mit der Art des Bildträgers verbunden. Ob ein Gemälde auf flexible Leinwand, eine starre Holztafel oder empfindliche Malpappe gemalt wurde, bestimmt maßgeblich seine „Krankengeschichte“ und den damit verbundenen Pflegeaufwand. Die Leinwand, meist auf einen Keilrahmen gespannt, reagiert stark auf Luftfeuchtigkeitsschwankungen, was zu einem Durchhängen oder zu den typischen Spannungsrissen führt, die oft parallel zum Keilrahmen verlaufen.
Eine Holztafel hingegen ist zwar starrer, aber keineswegs immun. Sie kann sich bei Feuchtigkeit verwerfen oder entlang der Maserung reißen. Ihre größte Gefahr ist jedoch biologischer Natur: der Befall durch Holzschädlinge wie den Holzwurm. Ein aktiver Befall ist ein Notfall, der sofortiges Handeln erfordert. Ein klares Indiz für die Aktivität der Schädlinge ist frisches Bohrmehl. Wie der Experte Dr. Andreas Burmester vom Doerner Institut München erklärt:
Bei Holztafelgemälden ist ein aktiver Holzwurmbefall an frischem, hellem Bohrmehl zu erkennen, das sich unter dem Gemälde ansammelt.
– Dr. Andreas Burmester, Doerner Institut München
Malpappe oder Karton, oft für Studien oder kleinere Werke im 19. und 20. Jahrhundert verwendet, ist der fragilste aller Träger. Er ist extrem feuchtigkeitsempfindlich und neigt zu Wellenbildung, Stockflecken und Delaminierung, bei der sich die Farbschicht vom Träger löst. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die typischen Risiken und den damit verbundenen Aufwand.
| Bildträger | Typische Schäden | Pflegeaufwand | Kritische Faktoren |
|---|---|---|---|
| Leinwand | Spannungsrisse, Durchhängen, Risse entlang Keilrahmen | Mittel | Luftfeuchtigkeit, mechanische Belastung |
| Holztafel (Eiche) | Holzwurmbefall, Verwerfung, Längsrisse | Hoch | Schädlinge, Feuchtigkeit, Temperatur |
| Malpappe/Karton | Wellenbildung, Schimmel, Delaminierung | Sehr hoch | Extreme Feuchtigkeitsempfindlichkeit |
Das Risiko von Hausmitteln wie Zwiebelsaft, das Ihr Bild ruinieren kann
Im Internet und in alten Haushaltsratgebern kursieren hartnäckig Mythen über die Reinigung von Ölgemälden. Von einer abgeriebenen Zwiebel- oder Kartoffelhälfte über Milch bis hin zu Brot- oder Speichel-Tupfern reichen die Empfehlungen. Was als harmlose „Auffrischung“ gedacht ist, stellt in der Realität eine der größten Gefahren für Ihr Kunstwerk dar. Diese Methoden führen zu einer unkontrollierbaren chemischen Destabilisierung der Malschicht und des Firnis.
Zwiebelsaft beispielsweise enthält Säuren und Zucker. Die Säure kann den gealterten, spröden Firnis anlösen und die darunterliegenden Farbpigmente angreifen. Der zurückbleibende Zucker bildet einen klebrigen Film, der neuen Schmutz wie ein Magnet anzieht und einen idealen Nährboden für Schimmelpilze schafft. Ähnliches gilt für Proteine in Milch oder Enzyme im Speichel: Sie hinterlassen organische Rückstände, die mit der Zeit vergilben, nachdunkeln und extrem schwer zu entfernen sind. Sie verursachen einen Schaden, dessen Beseitigung durch einen professionellen Restaurator weitaus teurer ist als eine fachgerechte Reinigung von vornherein.
Besonders gefährlich sind kommerzielle „Gemäldereiniger“ aus dem Handel. Diese Produkte sind oft viel zu aggressiv und unterscheiden nicht zwischen Schmutz, Firnis und Farbe. Ein dramatisches Beispiel schildert ein erfahrener Restaurator in einem Fachforum und warnt eindringlich vor den Folgen.
Ich habe versucht, zwei ca. 100 Jahre alte Ölgemälde mit dem oft empfohlenen Hausmittel Anacrosina zu reinigen. Trotz 50% Verdünnung und vorsichtiger Anwendung löste sich nicht nur der Schmutz, sondern auch die Ölfarbe bis auf die Leinwand. Anacrosina wird von uns Profis als TEUFELSZEUG bezeichnet – für Laien ist es keinesfalls geeignet!
– Ein Berufsrestaurator, talu.de
Wann müssen Sie zwingend einen Profi für Ihr Gemälde rufen?
Die präventive Pflege, wie die Klimakontrolle und das sanfte Abstauben, liegt in der Verantwortung des Besitzers. Es gibt jedoch klare Alarmsignale, bei denen jeder laienhafte Eingriff den Schaden nur verschlimmern würde. In diesen Fällen ist der Anruf bei einem qualifizierten Gemälderestaurator nicht nur eine Option, sondern eine Notwendigkeit, um das Kunstwerk vor dem Totalverlust zu bewahren. Je früher Sie handeln, desto geringer ist in der Regel der restauratorische Aufwand und damit auch die Kosten.
Das kritischste Warnsignal ist die sichtbare Instabilität der Malschicht. Sobald sich Farbe in kleinen Schollen wölbt, aufsteht oder bereits abblättert, ist höchste Eile geboten. Jede Berührung oder Erschütterung kann zu unwiederbringlichem Substanzverlust führen. Ein Restaurator muss diese Bereiche schnellstmöglich festigen (konsolidieren). Auch strukturelle Schäden am Bildträger, wie Risse im Holz oder Löcher in der Leinwand, erfordern professionelle Expertise. Weitere untrügliche Zeichen für den zwingenden Handlungsbedarf sind:
- Abblätternde oder aufstehende Farbschollen: Dies ist ein absoluter Notfall, der sofortiges Handeln erfordert.
- Sichtbare Risse im Holzträger oder klaffende Löcher in der Leinwand: Strukturelle Integrität ist gefährdet.
- Dunkle Flecken (Schimmel) oder frisches Bohrmehl (aktiver Schädlingsbefall): Biologischer Befall muss gestoppt werden.
- Starkes Durchhängen der Leinwand: Das Gemälde hat seine Spannung verloren und benötigt eine Neuspannung.
- Stark vergilbter oder rissiger Firnis (Krepierung): Wenn der Firnis die Farben stark verfälscht oder selbst Risse bildet.

Wenn Sie eines dieser Symptome an Ihrem Gemälde feststellen, widerstehen Sie der Versuchung, selbst Hand anzulegen. Dokumentieren Sie den Schaden mit Fotos und kontaktieren Sie einen Restaurator in Ihrer Nähe, zum Beispiel über den Verband der Restauratoren (VDR). Eine Erstberatung kann oft schon anhand von Bildern erfolgen und gibt Ihnen eine klare Einschätzung der Lage.
Wie dämmen Sie eine historische Fassade, wenn Außendämmung verboten ist?
Die Erhaltung von Kunstwerken endet nicht an der Wand, an der sie hängen. Sie ist untrennbar mit der bauphysikalischen Situation des gesamten Gebäudes verbunden. Dies wird besonders deutlich bei denkmalgeschützten Altbauten, in denen energetische Sanierungen auf strenge Auflagen treffen. Ist eine Außendämmung zum Schutz der historischen Fassade verboten, ist die Innendämmung oft die einzige Möglichkeit. Doch diese Maßnahme birgt erhebliche Risiken für im Inneren befindliche Kunstwerke.
Durch eine Innendämmung verschiebt sich der sogenannte Taupunkt – der Punkt, an dem warme, feuchte Raumluft so weit abkühlt, dass Wasser kondensiert – von der Außenseite der Wand nach innen. Im schlimmsten Fall liegt dieser Punkt nun direkt hinter der Dämmplatte oder sogar hinter dem an der Wand hängenden Gemälde. Es entstehen unsichtbare Feuchtenester, die zu Schimmelbildung an der Wand und am Bildträger führen können. Die Wand „atmet“ nicht mehr wie zuvor, und das Mikroklima direkt am Kunstwerk verändert sich dramatisch.
Die Planung einer solchen Sanierung erfordert daher eine interdisziplinäre Herangehensweise, bei der die Erhaltung wertvollen Interieurs von Anfang an mitgedacht werden muss. Ein Gutachten kann die bauphysikalischen Veränderungen simulieren und notwendige Anpassungen der Klimatisierung aufzeigen.
Fallbeispiel: Innendämmung und Kunsterhaltung des Fraunhofer-Instituts
In einer Dokumentation beschreibt das Fraunhofer-Institut für Bauphysik einen Sanierungsfall in einem denkmalgeschützten Gründerzeithaus in München. Bei der Anbringung einer Innendämmung aus Kalziumsilikatplatten musste das Raumklimakonzept speziell auf die wertvolle Ölgemäldesammlung des Eigentümers abgestimmt werden. Berechnungen zeigten, dass ohne eine angepasste Lüftungs- und Heizungsstrategie die relative Luftfeuchtigkeit an den Wandoberflächen hinter den Gemälden kritische Werte erreicht hätte. Die Lösung war eine kontrollierte Klimatisierung, die die Oberflächentemperatur stets über dem neuen Taupunkt hielt und so Kondensation verhinderte.
Dieser Fall verdeutlicht, wie eng Bauphysik und Kunstkonservierung miteinander verknüpft sind. Wie Klaus Sedlbauer vom Fraunhofer-Institut warnt: „Eine fehlerhafte Innendämmung kann zu Feuchtigkeitsnestern zwischen Wand und Dämmplatte führen – bei denkmalgeschützten Gebäuden muss die Erhaltung von wertvollem Interieur als Argument in der Planung berücksichtigt werden“.
Wann ist der richtige Zeitpunkt zum Firnissen – und warum nicht nach 4 Wochen?
Der Firnis ist die transparente oberste Schicht eines Ölgemäldes. Er hat zwei Hauptfunktionen: Er schützt die darunterliegende Malschicht vor Schmutz, UV-Strahlung und mechanischen Beschädigungen, und er vertieft die Farben und gleicht Glanzunterschiede aus. Das Auftragen eines neuen Firnis (oder das Erneuern eines alten) ist jedoch einer der heikelsten Eingriffe und darf niemals zu früh erfolgen. Die weit verbreitete Annahme, Ölfarbe sei nach wenigen Wochen „trocken“, ist ein gefährlicher Irrtum.
Die Trocknung von Ölfarbe ist kein reines Verdunstungs-, sondern ein komplexer chemischer Prozess. Durch die Aufnahme von Sauerstoff finden Oxidation und Polymerisation statt, bei denen die Ölmoleküle sich zu langen, stabilen Ketten vernetzen. Dieser Prozess dauert weitaus länger, als die Oberfläche sich trocken anfühlt. Je nach Dicke des Farbauftrags kann es in Deutschland mehrere Monate bis Jahre dauern, bis die Farbschichten vollständig durchgehärtet sind. Wird der Firnis zu früh aufgetragen, versiegelt er die noch nicht abgeschlossene chemische Reaktion. Lösungsmittel aus den unteren Schichten können nicht mehr entweichen, was zu einer weichen, klebrigen Oberfläche, Rissen im Firnis oder sogar zum Anlösen der obersten Farbschichten führen kann.
Zudem ist die Wahl des Firnisses entscheidend. Historische Firnisse aus Naturharzen wie Dammar haben den großen Nachteil, dass sie stark vergilben und spröde werden. Ihre Entfernung ist ein riskanter Prozess. Die moderne Restaurierung verwendet daher ausschließlich hochwertige Kunstharzfirnisse, die zwei entscheidende Eigenschaften besitzen: Sie sind UV-stabil und reversibel. Das bedeutet, sie vergilben nicht und können bei Bedarf mit milden Lösungsmitteln wieder abgenommen werden, ohne die originale Malschicht zu gefährden.
| Firnistyp | Material | Eigenschaften | Verwendung heute |
|---|---|---|---|
| Naturharzfirnis (Dammar) | Dammarharz in Terpentinöl | Stark vergilbend, schwer reversibel | Kaum noch verwendet |
| Moderne Kunstharzfirnisse | z.B. Regalrez | UV-stabil, reversibel, nicht vergilbend | Standard in der Restaurierung |
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Ölgemälde ist ein aktives System, dessen Materialien (Holz, Leinwand, Farbe) auf Klimaänderungen reagieren. Stabile Luftfeuchtigkeit ist der wichtigste Schutz vor Rissen.
- Jeder Bildträger hat spezifische Schwachstellen: Leinwand neigt zu Spannungsrissen, Holz zu Verwerfung und Schädlingsbefall.
- Hausmittel sind chemisch aggressiv und verursachen irreversible Schäden. Die einzig sichere Laien-Reinigung ist trockenes Abstauben mit einem weichen Pinsel.
Wie vermeiden Sie Rissbildung bei der „Fett-auf-Mager“-Regel in der Ölmalerei?
Eine der fundamentalsten Regeln der Ölmalerei, die seit Jahrhunderten gelehrt wird, ist „fett auf mager“. Sie besagt, dass jede nachfolgende Farbschicht einen höheren Ölanteil (fetter) haben muss als die darunterliegende (magerer). Der Grund dafür liegt wiederum in den unterschiedlichen Trocknungszeiten: Ölreichere Schichten trocknen langsamer als ölärmere. Wird eine schnell trocknende, magere Schicht über eine noch arbeitende, langsam trocknende fette Schicht gemalt, kommt es unweigerlich zu Spannungen. Die untere Schicht schrumpft beim Trocknen noch, während die obere bereits starr ist. Das Ergebnis sind die typischen Trocknungsrisse, die oft tief und breit sind.
Diese Regel wurde von Malern nicht immer befolgt – manchmal aus Unwissenheit, manchmal aus künstlerischem Kalkül, um bestimmte Effekte zu erzielen. Bei vielen historischen Gemälden, auch von Alten Meistern, finden sich daher Risse, die eindeutig auf eine Missachtung dieser maltechnischen Grundregel zurückzuführen sind. Diese „Fehler“ sind jedoch aus heutiger konservatorischer Sicht nicht zwangsläufig ein Makel, sondern Teil der authentischen Werkgeschichte.
Fallstudie: Historische Rissmuster bei Alten Meistern
Untersuchungen des Deutschen Historischen Museums an ihrer Sammlung haben gezeigt, dass selbst berühmte Meister wie Cranach die „Fett-auf-Mager“-Regel gelegentlich missachteten. Bei einem Cranach-Gemälde konnten konstruktionsbedingte Risse dokumentiert werden, die durch einen zu ölreichen, also zu „fetten“ Untermalgrund entstanden waren. Moderne Restauratoren behandeln solche historischen Risse nicht, indem sie sie zu kaschieren versuchen. Stattdessen werden sie sorgfältig stabilisiert, um ein weiteres Ausbreiten zu verhindern. Die Risse selbst werden als authentischer Teil der Entstehungs- und Alterungsgeschichte des Kunstwerks respektiert und erhalten.
Für einen Erben bedeutet dies: Nicht jeder Riss ist ein Zeichen von neuem Verfall. Manche Risse sind so alt wie das Bild selbst und gehören zu seinem Charakter. Ein Restaurator kann feststellen, ob es sich um alte, stabile Risse oder um neue, aktive Schäden handelt, die durch falsche Lagerung entstanden sind. Die Behandlung wird sich dementsprechend grundlegend unterscheiden. Alte, maltechnisch bedingte Risse zu „reparieren“ würde dem Werk einen Teil seiner Geschichte und Authentizität rauben.
Häufige Fragen zur Rissbildung bei Erbstücken
Mindert die Missachtung der ‚Fett-auf-Mager‘-Regel den Wert meines Erbstücks?
Technische Mängel können den materiellen Marktwert beeinflussen, ändern aber nichts am ideellen Wert als Familienerbstück. Die emotionale Bedeutung bleibt unberührt.
Woran erkenne ich typische ‚Fett-auf-Mager‘-Risse?
Diese Risse verlaufen meist parallel in eine Richtung und entstehen in den oberen Farbschichten. Sie unterscheiden sich vom netzartigen Krakelee, das durch normale Alterung entsteht.
Können solche Risse noch nachträglich behandelt werden?
Ja, ein Restaurator kann die Risse stabilisieren und verhindern, dass sie sich weiter ausbreiten. Eine komplette Beseitigung ist jedoch meist weder möglich noch erwünscht.