Veröffentlicht am März 11, 2024

Debatten um Denkmäler sind kein Zeichen von Spaltung, sondern die notwendige Arbeit einer Demokratie an ihrem Selbstverständnis.

  • Moderne Mahnmale nutzen oft Abstraktion und „Leerstellen“, um eine individuelle Auseinandersetzung zu erzwingen, statt fertige Antworten zu geben.
  • Die Kommentierung und Kontextualisierung alter, problematischer Denkmäler ist in der deutschen Erinnerungskultur entscheidender als ihre Entfernung.

Empfehlung: Die eigentliche Funktion eines Denkmals liegt nicht im Stein, sondern im gesellschaftlichen Gespräch, das es auslöst.

Ein neues Kunstwerk wird im Stadtraum enthüllt, oft für eine beträchtliche Summe an Steuergeldern, und prompt entbrennt eine hitzige Debatte. Für die einen ist es eine unverständliche Ansammlung von Beton und Stahl, für die anderen ein tiefsinniges Mahnmal. Diese Auseinandersetzungen, die sich an Denkmälern in deutschen Städten entzünden, sind für viele Bürger ermüdend und scheinen oft wie eine Verschwendung von Ressourcen. Man hört Argumente, die besagen, Kunst sei eben subjektiv oder dass man die Geschichte doch endlich ruhen lassen solle. Doch diese Sichtweise greift zu kurz.

Die Kontroversen sind kein Betriebsunfall oder ein Zeichen gesellschaftlicher Zerstrittenheit. Im Gegenteil: Sie sind der Kern der Sache. Dieser Artikel vertritt die These, dass Denkmäler im 21. Jahrhundert keine stillen, passiven Zeugen der Vergangenheit mehr sind. Sie sind aktive Verhandlungsräume, in denen eine Gesellschaft ihre Werte, ihre Identität und ihre Zukunftsvisionen aushandelt. Der Streit um ein Denkmal ist nicht das Problem, sondern seine eigentliche, demokratische Funktion. Er zwingt uns, die unbequemen Fragen zu stellen: Wer sind wir? Wer waren wir? Und wer wollen wir sein?

Dieser Beitrag schlüsselt auf, warum gerade die Auseinandersetzung mit unserer Geschichte, insbesondere mit ihren dunklen Kapiteln, steinerne Ankerpunkte im öffentlichen Raum benötigt. Wir untersuchen, wie Entscheidungen über diese Symbole getroffen werden und warum abstrakte „Leerstellen“ heute oft eine stärkere emotionale Wirkung entfalten als traditionelle Heldenstatuen. Anhand konkreter Beispiele wie der Stolpersteine und dem Umgang mit kolonialen Erbstücken wird deutlich, wie Erinnerungskultur zu einer aktiven, bürgerschaftlichen Aufgabe wird, die weit über das Betrachten von Statuen hinausgeht.

Als konkretes Beispiel für den gesellschaftlichen Aushandlungsprozess zeigt das folgende Podiumsgespräch die vielschichtige Diskussion um die Neukontextualisierung des Hamburger Bismarck-Denkmals. Es verdeutlicht, wie verschiedene historische, politische und ethische Perspektiven aufeinandertreffen.

Der folgende Artikel bietet eine strukturierte Reise durch die komplexen Facetten der deutschen Erinnerungskultur. Jeder Abschnitt beleuchtet einen spezifischen Aspekt, von der grundlegenden Notwendigkeit von Gedenkorten bis hin zur aktiven Rolle der Bürger und der prägenden Kraft der Kunst.

Warum braucht eine Gesellschaft steinerne Erinnerungen an ihre dunkle Geschichte?

Eine Gesellschaft, die sich ausschließlich an ihre Triumphe erinnert, entwickelt ein unvollständiges und gefährlich verzerrtes Selbstbild. Die Auseinandersetzung mit den dunklen Kapiteln der eigenen Geschichte – wie dem Nationalsozialismus oder der Kolonialzeit in Deutschland – ist keine bloße Pflichtübung, sondern ein fundamentaler Akt der Selbstreflexion und der demokratischen Hygiene. Steinerne Erinnerungen im öffentlichen Raum fungieren dabei als permanente, unübersehbare Ankerpunkte für diesen Prozess. Sie verhindern das Vergessen und konfrontieren auch nachfolgende Generationen mit der Vergangenheit, die ihre Gegenwart geformt hat.

Diese Mahnmale sind keine Anklagen, sondern Einladungen zum Deutungskonflikt, zum Nachdenken und zum Gespräch. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin ist hierfür ein Paradebeispiel. Nach einer fast zehnjährigen, intensiven Debatte, in der 528 Entwürfe diskutiert wurden, entstand ein Ort, der keine einfachen Antworten gibt. Seine abstrakte Form zwingt Besucher zur Auseinandersetzung. Dass dieser Ansatz einen Nerv trifft, beweist die Tatsache, dass allein der unterirdische „Ort der Information“ jährlich fast eine halbe Million Besucher anzieht und damit eine der meistbesuchten Gedenkstätten Deutschlands ist. Diese Orte sind physische Manifestationen des gesellschaftlichen Konsenses, dass bestimmte Ereignisse niemals vergessen werden dürfen.

Wie entscheidet eine Jury, welcher Entwurf gebaut wird?

Die Frage, warum oft abstrakte und auf den ersten Blick teure Kunstwerke den Zuschlag erhalten, beschäftigt viele Bürger. Der Auswahlprozess für ein öffentliches Denkmal ist ein hochgradig formalisiertes Verfahren, das versucht, künstlerische Qualität, öffentliche Wirksamkeit und Machbarkeit auszubalancieren. Am Anfang steht in der Regel ein öffentlicher oder geladener Wettbewerb. Eine Kommune oder der Bund formuliert eine Ausschreibung, die den historischen Kontext, die beabsichtigte Botschaft und die räumlichen Gegebenheiten umreißt.

Eine Fachjury, die typischerweise aus Kunsthistorikern, Architekten, Künstlern, aber auch Vertretern aus Politik und Verwaltung besteht, bewertet die eingereichten Entwürfe. Kriterien sind dabei nicht nur der ästhetische Wert, sondern vor allem die konzeptionelle Stärke: Wie überzeugend übersetzt der Entwurf die historische Thematik in eine zeitgenössische Formensprache? Regt er zur Auseinandersetzung an? Funktioniert er im städtischen Kontext? Dieser Prozess ist selbst ein Teil des gesellschaftlichen Aushandelns, bei dem unterschiedliche Vorstellungen von Gedenken aufeinanderprallen.

Dass dieser Prozess langwierig und kostspielig sein kann, zeigt das Beispiel des Freiheits- und Einheitsdenkmals in Berlin. Das Projekt, oft als „Einheitswippe“ verspottet, ist seit Jahren umstritten, und die bisherigen Kosten belaufen sich auf rund 17,8 Millionen Euro. Solche Summen werfen die berechtigte Frage nach der Verhältnismäßigkeit auf. Aus Sicht der Erinnerungskultur wird hier jedoch nicht nur in Beton und Metall investiert, sondern in einen sichtbaren, physischen Ort für die fortwährende Debatte über die Werte und die Geschichte der Bundesrepublik.

Heldendarstellung oder Leerstelle: Welches Konzept berührt uns heute mehr?

Das 19. Jahrhundert war die Blütezeit der Heldenverehrung in Bronze und Marmor. Feldherren, Könige und Dichter blickten heroisch von ihren Sockeln auf die Bevölkerung herab. Ihre Botschaft war eindeutig: Hier steht eine unangreifbare historische Größe, ein Vorbild. Diese Form des Denkmals hat heute weitgehend ausgedient, insbesondere wenn es um die Erinnerung an Opfer oder komplexe historische Ereignisse geht. Eine Heldendarstellung bietet eine geschlossene Erzählung, sie lässt keinen Raum für Zweifel, Trauer oder eigene Gedanken. Sie ist autoritär.

Im Gegensatz dazu arbeitet die moderne Gedenkkunst oft mit dem Konzept der narrativen Leerstelle. Statt eine Figur zu zeigen, wird deren Abwesenheit spürbar gemacht. Ein leeres Podest, ein versunkenes Mahnmal oder eine abstrakte Form wie ein Feld aus Betonstelen zwingt den Betrachter, die Lücke selbst zu füllen. Diese Leerstelle wird zum Resonanzraum für individuelle Gefühle und Reflexionen. Sie verweigert eine einfache Antwort und stellt stattdessen eine Frage. Dieses Unbehagen, diese offene Form, ist oft weitaus berührender und nachhaltiger als die passive Betrachtung einer heroischen Statue.

Modernes Gegendenkmal-Konzept in der deutschen Erinnerungskultur

Ein solches Gegendenkmal, wie es die Abbildung andeutet, schafft einen Raum, der nicht belehrt, sondern aktiviert. Der Betrachter wird vom passiven Konsumenten zum aktiven Teil des Gedenkens. Die Leere symbolisiert das Unaussprechliche des Verlustes oft wirkungsvoller als jede figurative Darstellung. Sie demokratisiert die Erinnerung, indem sie jedem die eigene Interpretation und die eigene Form der Annäherung überlässt.

Das Risiko, koloniale Denkmäler unkommentiert stehen zu lassen

In vielen deutschen Städten, allen voran Hamburg, stehen Denkmäler, die Persönlichkeiten aus der Kolonialzeit ehren. Das prominenteste Beispiel ist das monumentale Bismarck-Denkmal, das über dem Hafen thront. Diese Statuen sind nicht einfach nur historische Artefakte; sie sind steingewordene Ideologie. Wenn sie unkommentiert im öffentlichen Raum verbleiben, transportieren sie ihre ursprüngliche, oft rassistische und nationalistische Botschaft ungefiltert in die Gegenwart. Sie normalisieren eine Perspektive auf die Geschichte, die heute nicht mehr tragbar ist.

Die Entfernung solcher Denkmäler wird oft gefordert, doch in Deutschland hat sich ein anderer Weg als vorherrschend erwiesen: die kritische Kontextualisierung. Dieser Ansatz versucht, das Denkmal nicht auszulöschen, sondern es als „Verhandlungsraum“ zu nutzen. Wie der Historiker Prof. Ulrich Lappenküper von der Otto-von-Bismarck-Stiftung betont, wäre es der falsche Weg, die Figur einfach aus der Geschichte zu streichen. Er sagt in der Debatte um das Hamburger Denkmal:

Diese Figur aus der Geschichte herauszukatapultieren wäre für mich der völlig falsche Weg

– Prof. Ulrich Lappenküper, Otto-von-Bismarck-Stiftung

Stattdessen wird das Denkmal zum Anlass genommen, über Kolonialismus und seine Folgen aufzuklären. Die Debatte selbst wird Teil der Erinnerung. Dass dies ebenfalls ressourcenintensiv ist, zeigt die Tatsache, dass allein die Instandsetzung des umstrittenen Denkmals rund 9 Millionen Euro kostet – Gelder, die nun mit der Forderung nach einer sichtbaren Kommentierung verknüpft sind. Die Herausforderung besteht darin, diese Kontextualisierung dauerhaft und wirksam zu gestalten.

Aktionsplan: Wie man mit kolonialen Denkmälern umgeht

  1. Kontextualisierung: Ergänzung durch wissenschaftlich fundierte Informationstafeln, die die problematischen Aspekte der geehrten Person oder Epoche beleuchten.
  2. Künstlerische Intervention: Temporäre oder permanente Installationen, die das ursprüngliche Denkmal brechen, verfremden oder ihm eine neue Bedeutungsebene hinzufügen.
  3. Gegendenkmäler: Errichtung eines neuen Denkmals in unmittelbarer Nähe, das die Perspektive der Opfer des Kolonialismus sichtbar macht.
  4. Digitale Erweiterung: Anbringung von QR-Codes, die zu digitalen Archiven mit Biografien, historischen Dokumenten und kritischen Analysen führen.
  5. Partizipative Prozesse: Einbindung von Bürgerinitiativen, Nachfahren von Opfern und Wissenschaftlern in die Neugestaltung des Ortes.

Wann und wie können Sie die Pflege eines Stolpersteins übernehmen?

Im Kontrast zu den monumentalen, von oben verordneten Staatsdenkmälern steht ein Projekt, das die Erinnerungskultur in Deutschland revolutioniert hat: die Stolpersteine von Gunter Demnig. Diese kleinen, in den Bürgersteig eingelassenen Messingplatten erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus an ihrem letzten selbstgewählten Wohnort. Sie sind das Gegenmodell zur zentralisierten, staatstragenden Gedenkstätte: dezentral, persönlich und tief im Alltag der Menschen verankert.

Das Projekt ist ein herausragendes Beispiel für gelebte, partizipative Erinnerungskultur. Es sind nicht Staaten oder Institutionen, die das Gedenken tragen, sondern die Bürger selbst. Jeder kann eine Patenschaft für einen oder mehrere Steine übernehmen. Diese Patenschaft finanziert die Herstellung und Verlegung des Steins und schafft eine direkte, persönliche Verbindung zum Schicksal eines Menschen. Die Pflege der Steine – das regelmäßige Polieren des Messings, damit die Namen lesbar bleiben – wird zu einem stillen, aber kraftvollen Ritual des Gedenkens. Es ist eine Form der symbolischen Arbeit, die Erinnerung aus der Abstraktion herausholt und zu einer konkreten Handlung macht.

Nahaufnahme der Pflege eines Stolpersteins als Akt des Gedenkens

Die schiere Größe des Projekts zeigt seine gesellschaftliche Relevanz: Das weltweit größte dezentrale Mahnmal umfasst mittlerweile über 100.000 Steine in 29 Ländern, davon allein über 90.000 in Deutschland. Die Stolpersteine beweisen, dass wirkungsvolles Gedenken keine monumentale Geste erfordert. Es kann leise, individuell und von unten wachsen – und gerade dadurch eine enorme kollektive Kraft entfalten.

Warum ist Picassos „Guernica“ wirkungsvoller als jedes Geschichtsbuch?

Geschichtsbücher liefern Fakten, Daten und Analysen. Sie erklären die Ursachen und Folgen von Ereignissen wie der Bombardierung der Stadt Guernica im spanischen Bürgerkrieg. Doch sie können nur schwer das Entsetzen, den Schmerz und das Chaos vermitteln, das die Menschen in diesem Moment erlebten. Genau hier liegt die einzigartige Kraft der Kunst. Picassos monumentales Gemälde „Guernica“ ist keine realistische Darstellung des Ereignisses. Es ist eine chaotische, monochrome Symphonie aus schreienden Müttern, sterbenden Tieren und zerbrochenen Körpern – eine visuelle Verdichtung des Grauens.

Das Bild umgeht den Intellekt und zielt direkt auf die emotionale Ebene. Es vermittelt keine Information, sondern eine Erfahrung. Der Betrachter wird nicht belehrt, sondern erschüttert. Diese Fähigkeit, komplexe und unbegreifliche historische Realitäten in eine universell verständliche, emotionale Sprache zu übersetzen, macht Kunst oft wirkungsvoller als jedes noch so detaillierte Geschichtsbuch. Sie schafft Empathie, wo Fakten oft nur Distanz erzeugen.

Dasselbe Prinzip liegt vielen modernen, abstrakten Mahnmalen zugrunde. Das bereits erwähnte Holocaust-Mahnmal von Peter Eisenman in Berlin ist hierfür das beste Beispiel. Das Feld aus 2.711 unterschiedlich hohen, gekippten Betonstelen bildet nicht das Grauen des Holocaust ab – das wäre unmöglich und anmaßend. Stattdessen schafft es einen Ort, der Gefühle von Desorientierung, Beklemmung und Verlorenheit erzeugt. Wer durch die engen, abschüssigen Gänge geht, erlebt physisch eine Form von Isolation und Ordnungslosigkeit. Diese abstrakte, körperliche Erfahrung erlaubt eine persönliche Annäherung an das Thema, die eine figurative Darstellung niemals leisten könnte.

Warum sollten Bürger Denkmäler mitgestalten dürfen?

Wenn Denkmäler, wie eingangs beschrieben, „Verhandlungsräume“ der Gesellschaft sind, dann ist es nur logisch und konsequent, die Bürger an diesem Aushandlungsprozess zu beteiligen. Eine Erinnerungskultur, die ausschließlich von Experten und Politikern von oben herab gestaltet wird, läuft Gefahr, am Leben der Menschen vorbeizugehen und als fremd oder irrelevant empfunden zu werden. Bürgerbeteiligung ist kein lästiges Übel, das den Prozess verkompliziert, sondern die Voraussetzung für die Akzeptanz und die lebendige Aneignung eines Denkmals.

Echte Partizipation geht weit über eine Alibi-Anhörung hinaus. Sie kann viele Formen annehmen: offene Wettbewerbe, bei denen jeder Entwürfe einreichen kann, Bürgerjurys, die bei der Auswahl mitentscheiden, oder Workshops, in denen gemeinsam mit Anwohnern und Interessengruppen ein Gedenkkonzept entwickelt wird. Diese Prozesse sind oft langwierig und konfliktgeladen, aber sie sind ein unschätzbarer demokratischer Lernort. Sie stellen sicher, dass eine Vielfalt von Perspektiven – nicht nur die der etablierten Eliten – in die Gestaltung des öffentlichen Raums einfließt.

Das große Interesse an Mitgestaltung zeigt sich immer wieder. Bereits im ersten Wettbewerb für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas wurden 528 Entwürfe aus der breiten Öffentlichkeit und von Fachleuten eingereicht. Diese Zahl belegt eindrücklich den Wunsch der Zivilgesellschaft, an der Formung des kollektiven Gedächtnisses mitzuwirken. Ein von den Bürgern mitgetragenes Denkmal ist kein bloßes Objekt im Stadtraum, sondern ein Teil ihrer eigenen Identität. Es wird gepflegt, verteidigt und mit Bedeutung aufgeladen – es lebt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die öffentliche Debatte über ein Denkmal ist nicht sein Scheitern, sondern der Beweis seiner Funktion als demokratischer Verhandlungsraum.
  • Moderne Mahnmale nutzen bewusst Abstraktion und Leerstellen, um Betrachter zu aktivieren und eine individuelle Auseinandersetzung zu ermöglichen, anstatt fertige Botschaften zu liefern.
  • Erinnerungskultur ist ein aktiver Prozess, der von der Kommentierung historischer Statuen bis zur persönlichen Pflege von Stolpersteinen reicht und bürgerschaftliches Engagement erfordert.

Wie prägt Kunst unser Geschichtsbild, wenn Zeitzeugen nicht mehr leben?

Mit dem unaufhaltsamen Schwinden der letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust tritt die Erinnerungskultur in eine neue, entscheidende Phase. Die direkte, emotionale Weitergabe von Erlebtem weicht einer vermittelten Erinnerung. In diesem Übergang wächst die Verantwortung der Kunst und der Denkmäler exponentiell. Sie werden von bloßen Illustrationen der Geschichte zu deren primären Trägermedien für zukünftige Generationen. Sie müssen nicht nur informieren, sondern auch das Gefühl, die Atmosphäre und die moralischen Dilemmata einer Epoche transportierbar machen.

Kunstwerke und Denkmäler sind dabei niemals objektive Abbilder der Vergangenheit. Wie die Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Birgit Dorner treffend formuliert, sind sie bewusste Konstruktionen, die eine bestimmte Perspektive auf die Geschichte etablieren. In einem Interview mit „Die Debatte“ sagt sie:

Denkmäler sind daher immer Inszenierungen und mit ihnen wird ein Symbol für die Person oder das Ereignis geschaffen

– Prof. Dr. Birgit Dorner, Interview Die Debatte

Diese „Inszenierungen“ formen aktiv unser Geschichtsbild. Ein heroisches Reiterstandbild „inszeniert“ Stärke und nationale Größe, während ein dezentrales Projekt wie die Stolpersteine die Geschichte als eine Summe von unzähligen Einzelschicksalen „inszeniert“. Die digitale Erweiterung dieser analogen Gedenkformen, wie etwa die Stolpersteine-App, die Biografien und Dokumente zugänglich macht, ist hierbei der nächste logische Schritt. Sie verbindet den physischen Ort mit einem unerschöpflichen Reservoir an Kontext und macht Geschichte für eine digital aufwachsende Generation erlebbar und nachvollziehbar.

Die Debatten um Denkmäler werden uns also weiter begleiten. Anstatt sie als störend zu empfinden, sollten wir sie als das begreifen, was sie sind: ein vitales Zeichen einer lebendigen Demokratie, die sich ihrer Geschichte stellt, um ihre Zukunft zu gestalten. Ihre Teilnahme an diesen Diskussionen ist nicht nur ein Recht, sondern ein wertvoller Beitrag zu diesem Prozess.

Häufige Fragen zu Denkmälern und Erinnerungskultur

Was kostet eine Stolperstein-Patenschaft?

Eine Patenschaft kostet etwa 120 Euro und umfasst die Herstellung und Verlegung des Steins.

Wie kann ich einen Stolperstein pflegen?

Mit Metallpolitur und einem weichen Tuch können die Messingplatten regelmäßig gereinigt werden, besonders an Gedenktagen.

Wer kann eine Patenschaft übernehmen?

Jeder kann Pate werden – Privatpersonen, Schulklassen, Vereine oder Unternehmen.

Geschrieben von Layla Dr. Al-Fayed, Kuratorin und Kunsthistorikerin mit Schwerpunkt auf politischer Kunst, Performance und Global Art History. Dozentin für Kunsttheorie und freie Autorin für diverse Kultur-Feuilletons.