Veröffentlicht am März 15, 2024

Entgegen der landläufigen Meinung ist die Angst vor dem leeren Blatt kein Zeichen für mangelndes Talent. Sie rührt von dem Druck her, ein perfektes Kunstwerk schaffen zu müssen. Der Schlüssel liegt nicht darin, „besser“ zu werden, sondern darin, den Fokus zu ändern: Weg vom Ergebnis, hin zum Prozess des bewussten Sehens und Dokumentierens. Mit einfachen technischen Werkzeugen und der richtigen Einstellung wird das Skizzenbuch vom gefürchteten Richter zum treuen Begleiter.

Du sitzt in einem charmanten Café in einer deutschen Altstadt, der Duft von Kaffee liegt in der Luft. Vor dir liegt dein brandneues Skizzenbuch, die Seite ist makellos weiß. Du hast einen Bleistift in der Hand und den festen Willen, diesen Moment einzufangen. Doch statt Linien aufs Papier zu bringen, starrst du nur darauf. Die Angst, es zu vermasseln, die erste Seite zu „ruinieren“, lähmt dich. Kommt dir das bekannt vor?

Die meisten Ratgeber sagen dann: „Fang einfach an!“ oder „Leg deinen Perfektionismus ab.“ Das ist gut gemeint, aber selten hilfreich. Es ist, als würde man jemandem mit Höhenangst sagen, er solle einfach nicht nach unten schauen. Das eigentliche Problem wird ignoriert. Diese Lähmung entsteht, weil wir glauben, zeichnen sei ein magisches Talent, das man entweder hat oder nicht. Wir setzen uns unter Druck, ein Meisterwerk zu schaffen, anstatt einfach nur zu beobachten.

Aber was wäre, wenn die wahre Lösung nicht in mehr Talent, sondern in einem besseren Werkzeugkasten liegt? Einem Werkzeugkasten, der nicht nur aus Stiften und Papier besteht, sondern aus Techniken des Sehens und einer neuen, entspannten Haltung. Dieser Artikel liefert dir genau das. Wir ersetzen den Druck durch Freude, die Angst durch Neugier und das leere Blatt durch eine Einladung zum Abenteuer.

Wir werden gemeinsam erkunden, wie du mit einfachen Mitteln Tiefe erzeugst, eine Zeichenroutine ohne Zwang etablierst und warum die Wahl des richtigen Papiers kein Snobismus, sondern eine technische Notwendigkeit ist. Mach dich bereit, den Kritiker in deinem Kopf leiser zu drehen und den Beobachter in dir zu wecken.

Warum sehen Ihre Häuser schief aus und wie hilft die Ein-Punkt-Perspektive?

Eines der frustrierendsten Erlebnisse für Anfänger: Du zeichnest ein Gebäude, und es sieht aus, als würde es jeden Moment in sich zusammenfallen. Die Linien sind schief, die Proportionen wirken seltsam. Das liegt nicht an deinem mangelnden Talent, sondern daran, dass dein Gehirn weiß, wie ein Haus aussieht, deine Hand-Auge-Koordination aber noch nicht gelernt hat, diese 3D-Information auf ein 2D-Blatt zu übersetzen. Die Lösung ist ein einfaches, aber mächtiges Werkzeug: die Ein-Punkt-Perspektive.

Stell dir vor, du stehst mitten auf einer langen, geraden Straße in einer typisch deutschen Altstadt. Alle Linien, die von dir wegführen – die Dachkanten, die Bordsteine, die Fensterreihen – scheinen sich an einem einzigen Punkt am Horizont zu treffen. Das ist der Fluchtpunkt. Sobald du dieses Prinzip verstanden hast, kannst du es nutzen, um eine glaubwürdige räumliche Tiefe zu erzeugen. Es ist kein Hexenwerk, sondern eine Methode, sich eine natürliche optische Täuschung zunutze zu machen, wie Experten der Akademie Ruhr es beschreiben. Es geht darum, das Sehen zu trainieren.

Die Ein-Punkt-Perspektive ist ideal, wenn du frontal auf eine Szene blickst. Sie gibt deinem Gehirn ein klares Regelwerk, an das sich deine Hand halten kann. Plötzlich haben deine Linien eine Richtung und ein Ziel. Die schiefen Häuser werden gerade, weil du nicht mehr rätst, sondern konstruierst. Es ist der erste, entscheidende Schritt, um Kontrolle über deine Zeichnung zu gewinnen und die Angst vor dem Chaos zu verlieren.

Dein Plan zur Überprüfung der Perspektive

  1. Punkte lokalisieren: Identifiziere die Schlüssellinien deiner Szene. Wo ist die Horizontlinie? Wo sind die Hauptkanten des Gebäudes, die in die Tiefe führen?
  2. Elemente sammeln: Zeichne die vordere Fassade deines Motivs als einfaches Rechteck. Inventarisiere alle sichtbaren Elemente wie Fenster und Türen.
  3. Auf Konsistenz prüfen: Definiere einen Fluchtpunkt auf der Horizontlinie. Verbinde die Ecken deines Rechtecks mit diesem Punkt. Passen alle anderen Tiefenlinien (Fensterkanten etc.) zu diesen Fluchtlinien?
  4. Einzigartigkeit festhalten: Welches Detail macht die Szene besonders (z.B. ein verzierter Erker, ein altes Schild)? Konzentriere dich darauf, dieses Element innerhalb der korrekten Perspektive hervorzuheben.
  5. Umsetzung planen: Entscheide, welche Linien du stark nachziehst (Vordergrund) und welche du nur andeutest (Hintergrund), um die Tiefe weiter zu verstärken.

Um die Wirkung dieses Prinzips wirklich zu verinnerlichen, lohnt es sich, die Logik hinter der Ein-Punkt-Perspektive noch einmal zu überdenken.

Wie erzeugen Sie Tiefe nur mit einem Bleistift?

Perspektive ist das Skelett deiner Zeichnung, aber um ihr Leben einzuhauchen, brauchst du mehr als nur korrekte Linien. Du brauchst Atmosphäre und Tiefe. Viele Anfänger glauben, dafür komplexe Schattierungen oder gar Farbe zu benötigen. Doch dein einfachster Bleistift ist bereits ein unglaublich vielseitiges Werkzeug, um Raum zu schaffen. Das Geheimnis liegt in zwei Techniken: der Variation der Linienstärke und der atmosphärischen Perspektive.

Denk ganz einfach: Was dir nahe ist, erscheint größer, dunkler und detailreicher. Was weit entfernt ist, wird blasser, heller und unschärfer. Dieses Prinzip kannst du direkt mit deinem Stift umsetzen. Zeichne die Objekte im Vordergrund mit mehr Druck und dickeren, kräftigeren Linien. Die Objekte im Hintergrund zeichnest du mit leichtem Druck und feinen, dünnen Linien. Allein durch diesen Kontrast schiebst du die Elemente auf dem Papier auseinander und erzeugst eine sofortige Tiefenwirkung.

Ergänzend dazu kommt die atmosphärische Perspektive, auch Luftperspektive genannt. Wie eine Analyse der kreativen Grundlagen zeigt, basiert diese Idee darauf, dass die Luft zwischen dir und einem entfernten Objekt (wie einem Berg oder einer fernen Häuserzeile) nicht komplett durchsichtig ist. Sie enthält Staub und Feuchtigkeit, die das Licht streuen. Dadurch verlieren entfernte Objekte an Kontrast und Farbintensität. Mit dem Bleistift simulierst du das, indem du weiter entfernte Bereiche weniger stark schraffierst und die Details bewusst reduzierst. Dein Gehirn interpretiert diese geringere visuelle Klarheit automatisch als Entfernung.

Nahaufnahme einer Hand beim Zeichnen mit verschiedenen Bleistift-Linienstärken auf Skizzenpapier

Wie du siehst, braucht es keine komplizierten Techniken. Allein durch den bewussten Einsatz von dicken und dünnen Linien sowie unterschiedlichen Schraffurdichten kannst du eine überzeugende Illusion von Raum schaffen. Es ist ein weiteres Werkzeug, das dir Sicherheit gibt und die leere Seite weniger einschüchternd macht.

Die Meisterschaft dieser Technik entsteht durch Übung, daher ist das Verständnis der Grundlagen der Tiefenwirkung ein entscheidender Ankerpunkt.

Täglich zeichnen: Wie etablieren Sie eine Routine ohne Druck?

Der Ratschlag „Übe täglich“ ist der Endgegner für jeden Perfektionisten. Er erzeugt sofort den Druck, jeden Tag etwas Gutes, etwas Vorzeigbares produzieren zu müssen. Scheitert man einmal, fühlt es sich wie ein Versagen an, und man gibt ganz auf. Wir müssen diesen Ansatz umkehren: Das Ziel ist nicht, täglich ein Kunstwerk zu schaffen, sondern täglich eine Beobachtung festzuhalten. Es geht um den Aufbau einer Gewohnheit, nicht um die Produktion von Ergebnissen.

Der Trick besteht darin, die Hürde so niedrig wie möglich anzusetzen. Nimm dir nicht vor, „eine Stunde zu zeichnen“, sondern „fünf Minuten lang einen Gegenstand anzusehen und seine Grundform zu skizzieren“. Dein Ziel ist nicht die fertige Zeichnung, sondern die Handlung des Zeichnens selbst. Mach es zu deinem Ritual, wie den Morgenkaffee. Das Skizzenbuch wird so vom Prüfungsbogen zum visuellen Tagebuch.

Fallstudie: Der Geist des Urban Sketching Manifests

Die internationale Urban-Sketchers-Bewegung basiert auf einem einfachen, aber tiefgreifenden Manifest. Ein Kernprinzip lautet: „Unsere Zeichnungen erzählen die Geschichte unserer Umgebung […] Wir bezeugen unsere Umwelt wahrhaftig.“ Wie die deutsche Sektion der Urban Sketchers betont, geht es um das Dokumentieren von Zeit und Ort. Dieser Fokus auf das „Bezeugen“ statt „Erschaffen“ nimmt den Druck. Eine unperfekte, aber ehrliche Skizze hat einen höheren dokumentarischen Wert als eine nie begonnene, perfekte Zeichnung. Deine Skizze ist ein Beweisstück: „Ich war hier. Das habe ich gesehen.“

Selbst erfahrene Profis nutzen diese Methode, um im Fluss zu bleiben. Der bekannte deutsche Urban Sketcher Jens Hübner gibt einen wertvollen Einblick in seine Praxis:

Ich zeichne seit ca.15 Jahren professionell. Aber auch für mich sind die Basics, zum Beispiel das Zeichnen meiner Zeichenmaterialen extrem wichtig. Damit beginne ich in der Regel jedes Skizzenbuch. Das ist meine Aufwärmübung. Man sollte einfache Übungen machen z.B. eine Skizzenbuchdoppelseite voller Mohrrüben-Menschen oder eine Skizzenbuchdoppelseite voller Kaffeetassen […].

– Jens Hübner, Interview über Urban Sketching

Aufgeschlagenes Skizzenbuch zeigt verschiedene schnelle Alltagsskizzen aus einer deutschen Stadt

Beginne also nicht mit dem Kölner Dom, sondern mit deiner Kaffeetasse. Fülle eine Seite mit den Schlüsseln auf deinem Tisch. Zeichne deine eigenen Schuhe. Indem du das Alltägliche und Unspektakuläre wählst, entfernst du den Erwartungsdruck. Du baust ein visuelles Vokabular auf und trainierst deine Hand-Auge-Koordination, ohne dass dein innerer Kritiker eine Angriffsfläche hat.

Diese druckfreie Herangehensweise ist der Kern des Ganzen. Erinnere dich immer wieder an die Leichtigkeit einer täglichen, kleinen Zeichen-Routine.

Der Fehler, auf Kopierpapier zu zeichnen, und warum es nicht radierbar ist

Wenn die Angst vor dem leeren Blatt groß ist, greifen viele zu dem, was am wenigsten wertvoll erscheint: einfaches Drucker- oder Kopierpapier. Die Logik dahinter ist verständlich: „Wenn es nichts kostet, kann ich es auch nicht ruinieren.“ Doch ironischerweise führt genau das zu Frustration und verstärkt das Gefühl des Scheiterns. Kopierpapier ist für das Zeichnen technisch ungeeignet und sabotiert deine Bemühungen von Anfang an.

Das Hauptproblem ist die Oberfläche und die fehlende Leimung. Kopierpapier ist extrem glatt und dünn (meist 80 g/m²). Wenn du darauf mit einem Bleistift zeichnest, trägt sich der Grafit nur oberflächlich ab. Versuchst du zu radieren, schmierst du den Grafit nicht nur, sondern raust die Papierfasern auf und beschädigst sie. Jeder weitere Versuch, an dieser Stelle zu zeichnen oder zu radieren, macht es schlimmer. Die Linie wird nie wieder sauber, der Radierer hinterlässt einen unschönen Fleck. Du denkst, du kannst nicht radieren, dabei ist es das Papier, das es dir unmöglich macht.

Gutes Zeichen- oder Skizzenpapier hingegen hat eine andere Beschaffenheit. Wie Experten für Künstlermaterialien betonen, ist eine griffige und härtere Papieroberfläche entscheidend. Es besitzt eine feine Struktur (den „Zahn“), die den Grafitabrieb des Stiftes besser aufnimmt. Die Linien werden satter und klarer. Noch wichtiger ist die Leimung des Papiers. Sie sorgt dafür, dass die Fasern fest miteinander verbunden sind. Dadurch kannst du radieren, ohne die Oberfläche zu zerstören. Der Radierer hebt den Grafit an, anstatt ihn in die Fasern zu reiben.

In ein gutes Skizzenbuch zu investieren, ist also kein Luxus, sondern ein Akt der Selbstfürsorge. Es ist ein technisches Werkzeug, das dir das Arbeiten erleichtert und Erfolgserlebnisse ermöglicht. Du bekämpfst nicht mehr das Material, sondern kannst dich auf das Wesentliche konzentrieren: das Sehen und Zeichnen. Es nimmt dir die Frustration und zeigt dir, dass viele deiner vermeintlichen Fehler in Wahrheit Materialprobleme waren.

Das Wissen um die technischen Eigenschaften von Papier ist ein entscheidender Baustein, um Frustration zu vermeiden.

Wann hilft Ihnen das Studium der Anatomie für alle anderen Motive?

Das Wort „Anatomie“ löst bei vielen Zeichenanfängern sofortige Fluchtreaktionen aus. Man denkt an komplizierte Muskelstränge und lateinische Namen. „Ich will doch nur Gebäude zeichnen, keine Menschen!“, ist ein häufiger Gedanke. Doch das ist ein Missverständnis. Anatomie zu lernen bedeutet nicht, Arzt zu werden, sondern zu lernen, unter die Oberfläche zu blicken und Strukturen zu verstehen.

Jedes Objekt auf der Welt hat eine Art von „Anatomie“, ein inneres Gerüst, das seine äußere Form bestimmt. Ein Baum hat einen Stamm und Äste, die nach bestimmten Wachstumsregeln verteilt sind. Ein Auto hat ein Chassis, auf dem die Karosserie ruht. Ein gotisches Kathedral hat ein Skelett aus Strebepfeilern und Gewölberippen, das die ganze Struktur trägt. Wenn du lernst, wie ein menschlicher Körper aus Knochen, Gelenken und Muskeln aufgebaut ist, trainierst du dein Gehirn darin, jedes komplexe Objekt in seine einfacheren Grundbausteine zu zerlegen.

Das Studium der Anatomie lehrt dich, nicht nur die Kontur einer Form zu sehen, sondern auch die Volumen und die Struktur, die sie erzeugen. Du beginnst zu verstehen, wie sich ein Arm beugt, weil du das Ellenbogengelenk darunter „siehst“. Übertragen auf ein Gebäude bedeutet das: Du siehst nicht nur eine flache Wand mit Fenstern, sondern einen Kubus mit einer bestimmten Dicke und Struktur. Du verstehst, warum ein Dach eine bestimmte Neigung hat, weil du die darunterliegende Balkenkonstruktion erahnst. Du entwickelst ein strukturelles Verständnis.

Diese Fähigkeit, das Unsichtbare zu sehen und das Komplexe zu vereinfachen, ist eine Superkraft für jeden Zeichner. Sie befreit dich davon, Oberflächen abzumalen, und erlaubt dir, Objekte überzeugend zu konstruieren. Es ist der Unterschied zwischen dem Kopieren von Schatten und dem Verstehen von Form. Und dieses Verständnis ist eine der stärksten Waffen gegen die Angst vor dem leeren Blatt, denn es gibt dir einen klaren Plan, wie du jedes Motiv angehen kannst.

Die Fähigkeit, die zugrundeliegende Struktur in allen Dingen zu erkennen, ist eine universelle Fähigkeit, die weit über das Zeichnen von Menschen hinausgeht.

Warum macht Töpfern an der Scheibe den Kopf frei?

Auf den ersten Blick scheint Töpfern wenig mit Urban Sketching zu tun zu haben. Hier der flüchtige Moment in der Stadt, dort die zentrierte Arbeit im Atelier. Doch im Kern bekämpfen beide Aktivitäten denselben Feind: den überaktiven, kritischen Verstand. Töpfern an der Scheibe ist eine der effektivsten Übungen, um den Kopf freizubekommen, und die Lektionen daraus sind direkt auf das Zeichnen übertragbar.

Der entscheidende Faktor ist die Notwendigkeit der vollen Konzentration. Sobald der Tonklumpen auf der Scheibe rotiert, kannst du nicht an deine E-Mails, deine Sorgen oder dein Abendessen denken. Deine Hände müssen den Druck exakt dosieren, auf die kleinste Unwucht reagieren und im perfekten Einklang mit der Geschwindigkeit der Scheibe arbeiten. Es ist eine haptische, meditative Tätigkeit, die dich vollständig in den gegenwärtigen Moment zwingt. Dein innerer Monolog verstummt, weil das Gehirn keine Kapazitäten mehr frei hat. Es ist im reinen „Flow-Zustand“.

Genau diesen Zustand streben wir auch beim Zeichnen an. Wenn du von der Angst vor dem Ergebnis gelähmt bist, liegt das daran, dass dein analytischer Verstand in die Zukunft projiziert („Das wird schlecht aussehen!“) oder die Vergangenheit bewertet („Meine letzte Zeichnung war auch schon schief!“). Eine Tätigkeit wie das Töpfern trainiert dich darin, diesen Verstand auszuschalten und ganz bei der Sinneswahrnehmung zu bleiben: dem Gefühl des Tons, dem Geräusch des Wassers, der Bewegung deiner Hände.

Übertrage diese Haltung auf dein Skizzenbuch. Konzentriere dich nicht auf die Linie, die entstehen *soll*, sondern auf die Bewegung deiner Hand in diesem Moment. Konzentriere dich auf das Geräusch des Stiftes auf dem rauen Papier. Betrachte den Prozess als eine Form der aktiven Meditation. Das Ziel ist nicht die perfekte Vase oder die perfekte Zeichnung, sondern die eine Stunde, in der dein Kopf endlich still war. Diese mentale Freiheit ist der wahre Lohn jeder kreativen Praxis.

Die mentale Verknüpfung zwischen kreativer Praxis und geistiger Freiheit ist ein machtvolles Werkzeug gegen kreative Blockaden.

Warum wellt sich billiges Aquarellpapier und wie mindert das den Wert?

Ähnlich wie beim Zeichnen mit Bleistift auf Kopierpapier ist die Verwendung von ungeeignetem Material beim Aquarellieren eine garantierte Quelle der Frustration. Du hast vielleicht schon erlebt: Du trägst Wasser und Farbe auf, und das dünne Papier wirft sofort Wellen und Beulen. Das sieht nicht nur unschön aus, sondern sabotiert den gesamten Malprozess und mindert den Wert deiner Arbeit, egal wie gut die Idee war.

Der technische Grund dafür ist die Papiergrammatur (gemessen in Gramm pro Quadratmeter, g/m²) und die bereits erwähnte Leimung. Papier besteht aus Zellulosefasern. Wenn diese nass werden, quellen sie auf und dehnen sich aus. Dünnes Papier unter 200 g/m² hat nicht genug Masse und Stabilität, um diese Ausdehnung zu kontrollieren. Es verzieht sich unweigerlich. Gutes Aquarellpapier beginnt bei mindestens 300 g/m². Es ist dicker, steifer und kann eine erhebliche Menge Wasser aufnehmen, ohne sich stark zu wellen.

Die Wellen sind aber nicht nur ein ästhetisches Problem. Sie beeinflussen aktiv, wie die Farbe fließt. In den „Tälern“ der Wellen bilden sich kleine Pfützen, in denen sich die Farbpigmente sammeln. Das Ergebnis sind ungleichmäßige, fleckige Farbflächen (sogenannte „Blumenkohl-Effekte“), die du nicht beabsichtigt hast. Du verlierst die Kontrolle über den Farbverlauf. Ein gleichmäßiger, leuchtender Himmel wird so fast unmöglich. Das Papier kämpft gegen dich, anstatt mit dir zu arbeiten.

Ein gewelltes Bild lässt sich zudem nur schwer einrahmen oder digitalisieren. Beim Scannen oder Fotografieren erzeugen die Wellen unschöne Schatten und Lichtreflexe, die die Wirkung deines Bildes zerstören. Die Investition in einen Block hochwertiges, schweres Aquarellpapier ist daher keine Verschwendung, sondern die Grundvoraussetzung, um der Technik überhaupt eine faire Chance zu geben. Es erlaubt dir, die wunderbaren Eigenschaften von Wasser und Pigment zu erkunden, anstatt nur gegen die Physik von nassem, dünnem Papier anzukämpfen.

Das Verständnis für die Bedeutung von Papierqualität und -gewicht ist fundamental, um die Techniken des Aquarellierens erfolgreich anzuwenden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Angst vor dem Zeichnen ist überwindbar, wenn man den Fokus vom perfekten Ergebnis auf den Prozess des bewussten Beobachtens verlagert.
  • Einfache technische Hilfsmittel wie die Ein-Punkt-Perspektive und die Variation der Linienstärke geben Sicherheit und erzeugen schnell überzeugende Ergebnisse.
  • Die Wahl des richtigen Materials (passendes Papier) ist kein Luxus, sondern eine technische Notwendigkeit, um Frustration zu vermeiden und den Lernprozess zu unterstützen.

Wie erkennen Sie die Qualität eines Aquarells, wenn „alles so leicht aussieht“?

Nachdem wir nun die Hürden des Anfangens betrachtet haben, schließt sich der Kreis bei der Wertschätzung – sowohl bei anderen als auch bei dir selbst. Gute Aquarelle haben oft eine trügerische Leichtigkeit. Es sieht aus, als wären sie in wenigen Minuten hingeworfen worden. Doch genau in dieser Leichtigkeit liegt oft die Meisterschaft, die auf stundenlanger Übung und tiefem Verständnis beruht. Zu wissen, worauf man achten muss, hilft dir, deine eigenen Fortschritte besser einzuschätzen.

Ein erstes Qualitätsmerkmal sind sichere und sparsame Linien. Ein geübter Künstler deutet mehr an, als er ausformuliert. Er fasst komplexe Formen mit wenigen, treffsicheren Strichen zusammen. Es gibt keine zittrigen, unsicheren oder ständig korrigierten Konturen. Diese Effizienz kommt direkt aus der Routine des täglichen Skizzierens und dem Vertrauen in die eigene Hand-Auge-Koordination.

Ein zweites Merkmal ist die Beherrschung des Lichts und des Wassers. Achte auf die Leuchtkraft. Bei einem guten Aquarell scheint das Licht durch die transparenten Farbschichten hindurch und wird vom weißen Papier reflektiert. Die Farben wirken nicht stumpf oder schlammig. Das Weiß des Papiers wird oft bewusst als hellster Lichtpunkt stehen gelassen – ein Zeichen für vorausschauende Planung. Kontrollierte, weiche Farbübergänge (Lasuren) ohne harte Kanten oder „Blumenkohl-Ränder“ zeugen von einer exzellenten Wasser- und Pigmentkontrolle.

Zuletzt erzählt ein gutes Aquarell eine Geschichte. Es fängt eine Atmosphäre ein, einen flüchtigen Moment. Es geht nicht um fotorealistische Genauigkeit, sondern um die Essenz einer Szene. Die Qualität liegt in der Komposition, dem Spiel von Licht und Schatten und der Fähigkeit des Künstlers, den Betrachter an einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zu versetzen. Wenn du diese Elemente erkennst, beginnst du, den Unterschied zwischen „einfach“ und „simpel“ zu verstehen. Und du lernst, die kleinen Siege auf deinem eigenen Weg – eine saubere Lasur, eine sichere Linie, ein gut ausgespartes Licht – wertzuschätzen.

Um deine eigene Arbeit und die anderer besser bewerten zu können, ist es hilfreich, sich die fundamentalsten Bausteine wie die Perspektive immer wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Jetzt bist du an der Reihe. Vergiss den Druck, ein Meisterwerk zu schaffen. Dein nächster Schritt ist winzig: Nimm dir fünf Minuten Zeit, schau aus dem Fenster und versuche, nur die Hauptlinien eines einzigen Objekts mit deinen Augen nachzufahren. Das ist alles. Das bewusste Sehen ist der erste Schritt. Die Zeichnung kommt später, ganz von allein.

Geschrieben von Klaus Richter, Bildender Künstler und Meisterschüler, tätig als Dozent für Malerei und Grafik an einer freien Kunstakademie. Experte für künstlerische Techniken, Materialkunde und kreative Prozesse.